Im Norden teilweise massiver Kohlfliegenbefall – was kann man tun?

Etliche Rapsbestände insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern und in Schleswig-Holstein leiden diesen Herbst unter einem starken bis massiven Kohlfliegenbefall.

Abb. Oberirdisches Schadbild – verwelkende Rapspflanze
 Abb. Oberirdisches Schadbild – verwelkende Rapspflanze
Es ist sogar schon zu Umbrüchen gekommen. Aber der Befall muss schlagspezifisch beurteilt werden, denn selbst in Regionen mit starkem Befall gibt es auch deutlich gesündere Schläge. Und auch innerhalb der Schläge sind die Kohlfliegen bevorzugt an leichteren, sandigeren Stellen zu finden. Eine genaue Kontrolle ist daher wichtig.

Ausgangslage
Bei warmer Witterung kam es ab Anfang September zu einem starken Zuflug und idealen Eiablagebedingungen. Zudem wurde die Larvenentwicklung durch den Wegfall der insektiziden Beizen stark begünstigt. Leider erfolgte der Befall 2014 zu einem für den noch kleinen Raps sehr frühen Zeitpunkt. Eventuell hat sogar eine notwendige frühe Pyrethroidmaßnahme gegen den Rapserdfloh räuberische Nützlinge (z.B. diverse Käferarten) dezimiert, die ansonsten Eier und Larven der Kohlfliegen gefressen oder parasitiert hätten.

Nach ersten Beobachtungen ist der Befall meist umso stärker, je früher (und dünner) gesät wurde. Aber auch Spätsaaten sind betroffen. Eine chemische Bekämpfung der Maden ist nicht möglich.

Bestand richtig einschätzen
Zunächst einmal ist eine Bestandsaufnahme wichtig, um den Bestand und die Befallsstärke richtig einzuschätzen. Dies ist zu einem frühen Zeitpunkt schwierig, da die Kohlfliegenmaden teilweise noch sehr klein sind und weiteren Fraßschaden anrichten werden.

Abb. Kohlfliegenmade an Rapswurzel
 Abb. Kohlfliegenmade an Rapswurzel
Aber auch die Rapspflanzen können und werden auf den Wurzelfraß der Maden mit der Bildung von Seitenwurzeln reagieren. Und auch aus den Vorjahren ist bekannt, dass viele Rapswurzeln im Herbst leichte bis mittlere Kohlfliegen-Fraßschäden aufwiesen und dennoch „normale“ Erträge erreicht haben.

Zur Einschätzung des Befalls sollten Sie zunächst einmal an mehreren Stellen die Bestandesdichte auszählen und Wurzeln auf Befall kontrollieren. Hierbei zählen auch kleine Pflanzen mit. Anhand der Wurzeln können die Pflanzen in 5 Gruppen eingeteilt werden.

  1. Pfahlwurzel komplett zerstört, braun, abgestorben, Pflanzen beginnen bereits zu welken = Totalschaden
     
  2. Pfahlwurzel leicht herausziehbar, reißt leicht ab, Fraßspuren und/oder Maden sichtbar. Wurzel in den oberen Zentimetern noch am Leben, aber (bisher) keine neuen Seitenwurzeln vorhanden = geringe Überlebenschancen, abwarten
     
  3. Pfahlwurzel leicht herausziehbar, reißt leicht ab, Fraßspuren und/oder Maden sichtbar. Wurzel in den oberen Zentimetern noch am Leben, es bilden sich bereits neue Seitenwurzeln = gute Überlebenschancen, abwarten, eingeschränkte Ertragsfähigkeit
     
  4. Pfahlwurzel schwer herausziehbar, reißt schwerer ab oder ist noch teilweise intakt. Wenig Fraß und Maden sichtbar = gute Überlebenschancen, gute Ertragsfähigkeit.
     
  5. Pflanzen und Pfahlwurzeln völlig intakt = volle Ertragsfähigkeit.

Abb. Gruppe 1 – Totalschaden
 Abb. Gruppe 1 – Totalschaden
Eine Schadschwelle zur Beurteilung der Kohlfliegenschäden gibt es nicht. Aber aus Beobachtungen in anderen schwierigen Situationen (z.B. Kohlhernie, Schnecken, Mäuse, Auswinterung, schlechtem, spätem Feldaufgang wegen Trockenheit usw.) kann man Erfahrungen zu Hilfe nehmen.

Sind pro m² noch mindestens 10 Pflanzen in Gruppe 4 + 5 zu finden, so reicht dies in normalen Jahren immer noch für eine ausreichende Ertragsfähigkeit. Zu diesen Pflanzen können Sie (hoffentlich) die Pflanzen aus Gruppe 3 hinzuzählen, deren weitere Entwicklung von den kommenden Wachstumsbedingungen (Wärme, Wasser, Nährstoffe) abhängt.

Zur Ertragsbildung müssen in stark geschädigten Beständen auch die meist vorhandenen kleinen, schwachen Durchwuchspflanzen beitragen.

Wie können stark geschädigte Bestände gefördert werden?
Ist der Bestand nicht mehr zu retten und umbruchreif, so müssen Sie unbedingt auf die Einschränkungen durch bereits gefallenen Herbizdmaßnahmen achten. Eine gute, umfassende Übersicht über alle Nachbaumöglichkeiten im Herbst und Frühjahr finden Sie z.B. beim amtlichen Pflanzenschutzdienst in Hessen unter dieser Adresse: http://pflanzenschutzdienst.rp-giessen.de/ackerbau/ratgeber-pflanzenschutz/winterraps/herbst/rapsumbruch-nachbaumoeglichkeiten/

Vor einem geplanten Umbruch sollten Sie allerdings der Regenerationsfähigkeit des Rapses unbedingt eine Chance geben. Kleine Pflanzen haben noch kleine Wurzeln, und Pflanzen mit zerstörter Pfahlwurzel müssen aus den sekundären Seitenwurzeln erst ein neues Wurzelsystem aufbauen. Beiden fehlt der Wurzeltiefgang. Solche Pflanzen sollten umgehend bei günstiger Witterung gefördert werden, z.B. über eine Pflanzenschutzmaßnahme mit Bittersalz, Mikronährstoffen (incl. 75-100 g Bor) sowie einem leichten, schonenden Fungizid (Tebuconazol). Ist bisher noch kein N gedüngt worden, können z.B. schnell verfügbare 30 – 40 kg N als KAS dem Raps helfen.

Abb. Gruppe 3 – Seitenwurzeln gezielt fördern
 Abb. Gruppe 3 – Seitenwurzeln gezielt fördern
Zusammenfassend besteht bei sehr starkem Kohlfliegenschaden das Risiko eines Totalausfalls. Panikmaßnahmen sind aber nicht zielführend. Vielmehr sollten befallene Bestände objektiv beurteilt und wenn möglich in ihrer Regeneration gezielt gefördert werden. Die weitere Herbstentwicklung und auch die Ertragsfähigkeit sind aber stark von weiterhin günstigen Wachstumsbedingungen abhängig.

Aktuelles Video zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=NvRcZkhSkSc&feature=youtu.be

Und hier geht es zum RAPOOL-Kohlfliegenmonitoring: http://www.rapool.de/index.cfm/nav/332/action/kohlfliege.html

Zu unseren aktuellen Empfehlungen gelangen Sie hier.

 

Von Dipl.-Ing. agr. Rainer Kahl, RAPOOL-RING GmbH, am 25.09.2014