Einfluss von Herbizidrückständen auf die Entwicklung des Rapses

Sind Rückstände von Herbiziden, die im zuvor angebauten Getreide eingesetzt wurden, ein Grund für schlechte Rapserträge? Eine berechtigte Frage, vor allem, wenn man Bilder wie diese vor Augen hat. 

Herbizid-Attribut (links)
 Herbizid-Attribut (links)
Die Aufnahme vom 31.10.2011 zeigt eine Fläche, auf der im zuvor angebauten Weizen, das Herbizid Attribut eingesetzt wurde. Auf der linken Seite des Feldes wurde herkömmlicher Raps, auf der rechten Seite Clearfield-Raps, gedrillt. Attribut ist ein Herbizid zur Gräserbekämpfung, das schon in anderen Jahren wie 2003 in gleicher Weise aufgefallen ist. So wird auch der Anbau von Raps nach einem Einsatz von Attribut in der Gebrauchsanweisung ausgeschlossen. Clearfield-Raps ist resistent gegenüber Herbiziden wie Attribut. So kann man wohl davon ausgehend, dass der sichtbare Wuchsunterschied, auf Rückstände des eingesetzten Herbizides zurückzuführen ist.

Um das Nachbaurisiko von Wirkstoffen abzuschätzen, werden Untersuchungen zur Halbwertszeit durchführt. Der Wirkstoff wird auf den Boden appliziert und in Abständen wird untersucht wieviel vom ausgebrachten Wirkstoff noch im Boden vorhanden ist. Ausgedrückt werden die Ergebnisse in Halbwertszeiten, also die Zeit in der die Hälfte des ausgebrachten Wirkstoffs abgebaut ist. Die Maßeinheit ist DT50 (DT steht für Dissipation Time). Der im Attribut enthaltene Wirkstoff Propoxycarbazone-sodium hat eine Halbwertszeit von 40 Tagen. So der mittlere Wert, der in Gewächshausstudien bei einer Temperatur von 20 °C und Bodenfeuchte festgestellt wurde. Es ist aber auch nachzulesen, dass die Ergebnisse je nach Boden- und Klimaverhältnissen stark schwankten und zwischen 8 und 250 Tagen lagen.

Versucht man die Einflussfaktoren für den Abbau zu werten, dann steht an erster Stelle die Bodenfeuchte. So sind Schäden nur unter trockenen Verhältnissen aufgetreten. Danach folgt der Einsatztermin. Dies geht unter anderem aus Versuchen hervor, die die Firma DuPont ausgewertet hat.  Dabei wurde der Einfluss des Wirkstoffs Metsulfuron-Methyl, der im Frühjahr des jeweiligen Jahres im Getreide eingesetzt wurde, auf den nachfolgend angebauten Raps ausgewertet (siehe Tabelle 1). Starke Schäden in Form von Wuchshemmungen und Aufhellungen, waren nur bei den Spätanwendungen zu bonitieren. Es ist also offensichtlich nicht so, dass der größere, den Boden abschirmende Getreidebestand, den Nachteil der späten Anwendung wettmacht. Als drittes, ist der Einfluss des Bodens zu nennen. So werden Wirkstoffe wie Propoxycarbazone-sodium durch Hydrolyse abgebaut. Bei Böden mit hohen pH-Werten, also einem geringen Anteil an freien Wasserstoff- (H+) Ionen, ist dieser Prozess deutlich verlangsamt. Auch dies lässt sich an der Auswertung in Tabelle 1 erkennen. Auf Standorten mit pH-Werten unterhalb von 6,5 ist es zu keinen relevanten Schäden durch die Anwendung von Metsulfuron-Methyl-haltigen Produkten gekommen. Neben diesem physikalischen, gibt es auch einen biologischen Einfluss. Für den mikrobiellen Abbau ist ebenfalls Feuchtigkeit erforderlich. Ist der Wasseraufstieg aus tieferen Bodenschichten aufgrund von Strukturschäden unterbrochen, ist auch der Wirkstoffabbau unterbrochen. Auch die Bodenart, die Krümelstruktur und die Humusgehalte haben Einfluss. Humus dient u.a. als Futter für Bodenorganismen, die am Abbau von Wirkstoffen beteiligt sind. Weiterhin werden Wirkstoffe an Humus gebunden.  

Faktoren die das Risiko von Herbizidschäden durch ALS-Hemmer erhöhen:

  • Trockenheit
  • Späte Einsatztermine
  • Hohe pH-Werte
  • Strukturschäden / geringe Humusgehalte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie groß ist das Problem?

Starke Schäden ließen sich oft auf Attribut zurückführen. Attribut hat einen geringen Marktanteil. Noch seltener ist es, dass nach dem Einsatz von Attribut Raps angebaut wird. Nimmt man im Vergleich dazu die Fläche, die jedes Jahr mit „Atlantis-Produkten“ behandelt wird, dann sind diese Wirkstoffkombinationen offensichtlich weniger kritisch. Gelegenheiten, entsprechende Unterschiede zu sehen, gibt es genug. Durch Randbehandlungen, Überlappungsbereiche, gewollte und ungewollte Spritzfenster. Wie sieht es mit unsichtbaren Schäden aus? In den Jahren 2011-2013 wurden, unter anderem in NRW, auf unterschiedlichen Standorten Clearfield-Sorten mit herkömmlichen Sorten verglichen. Unter den 4 Clearfield-Sorten waren 2 mit aktuellster Genetik, die vom Ertragspotential mindestens auf dem Niveau der seinerzeit besten konventionellen Hybriden lagen. Der Anbau erfolge auch nach Winterweizen und auch nach Einsatz von z.B. Atlantis WG (400-500 g/ha). Relevante Ertragsunterschiede waren in unseren Versuchen nicht zu messen.

Bei der Auswertung von Ernteabfragen ist die Konstante, über die sich Ertragsunterschiede erklären lassen, der Rapsanteil in der Fruchtfolge. Herbizidrückstände haben sich hier bislang nicht als wesentlicher Ertragsfaktor herauskristallisiert. 

Unverkennbar ist aber auch, dass in den Herbsten 2018 und 2019 – also nach Vegetationsperioden mit geringen Niederschlägen, Einflüsse durch Herbizidbehandlungen auf die Herbstentwicklung des Rapses häufiger zu sehen waren. Das Ausmaß war geringer als erwartet, aber die Problematik ist deutlich geworden. Längere Trockenphasen in den Frühjahrs- und Sommermonaten werden wohl nicht die Ausnahme bleiben. Um das Risiko von Nachbauschäden gering zu halten, ist es sicher kein Fehler, die Herbizidmaßnahmen anzupassen. Im folgenden sind Möglichkeiten genannt.

Winterraps nach Getreide – Schäden, durch Reste von ALS-Hemmern, vorbeugen

1. Alternative Produkte zur Gräserbekämpfung wählen
Keine Auswirkungen auf den Nachbau von Raps haben die Produkte Axial 50, Traxos oder Sword. Sehr gering ist dieses Risiko auch bei Einsatz von Lentipur 700, Broadway oder Avoxa. Sofern diese noch wirksam sind, bietet sich ein Einsatz an. Avoxa kommt besonders auf Trespenstandorten in Betracht.   

2. Behandlungen möglichst frühzeitig durchführen
Wirken die genannten Alternativen nicht mehr ausreichend (in der Regel gegen Ackerfuchsschwanz), sollten Atlantis Flex, Niantic, bzw. auf drainierten Flächen Atlantis OD, möglichst frühzeitig eingesetzt werden. Bei wüchsigen Bedingungen, in wärmeren Niederungslangen, durchaus schon im Januar. Durch die milden Winter der letzten Jahre, wachsen die Gräser ohne Pause. Je größer sie werden, desto geringer werden die Aussichten auf eine sichere Bekämpfung. Es ist abzusehen, dass aus diesem Grund mehr Behandlungen schon im Herbst durchführt werden. Ganz nebenbei bleibt so ausreichend Zeit für den Wirkstoffabbau.

3. Hundskerbel im Herbst bekämpfen
Man kennt das von Stiefmütterchen und Ehrenpreis. Im Herbst sind sie, im Gegensatz zum Frühjahr, sehr leicht zu bekämpfen. Hundskerbel (auch ALS-resistenter) lässt sich im Herbst u.a. mit Chlortoluron (1250 g/ha) oder Zypar erfassen.Im Frühjahr bleiben hingegen zumeist nur ALS-Hemmer zur Hundskerbel-Kontrolle. Oft sind es späte Behandlungen, da Befallsnester erst bei Wachstumsregler- oder Fungizidbehandlungen auffallen. Sind Behandlungen im Frühjahr erforderlich, sollten sie vorzugsweise mit Refine Extra oder Protacur arbeiten. Die Halbwertszeit ist geringer als bei Produkten auf Basis von Metsulfuron-Methyl.

4. Für Spätanwendungen Wuchsstoffe bevorzugen
Bespielhaft sei Duplosan Super genannt. Duplosan Super, ist eine Kombination von drei Wuchsstoffen und offensichtlich sehr gut formuliert. Das Produkt verfügt über ein breites Wirkungsspektrum und ist in allen Getreidearten (incl. Dinkel) zugelassen. Weitere Herbizide dieser Wirkklasse sind z.B. Tomigan 200, Pixxaro, Kinvara und U 46 M-Fluid. Bei starkem Besatz mit Kamille braucht man eine Kombination mit ALS-Hemmer. Geeignet und ohne Nachbaurisiko sind u.a. Saracen, Primus Perfect und Ariane C.

5. Die Bodenstruktur optimieren und das Bodenleben fördern
Der letzte Punkt ist letztlich der wichtigste. Dies ist ein langfristiger Ansatz. Kurzfristig wird die Schadgefahr durch eine Pflugfurche oder durch intensive Durchmischung stark gemindert.

Diflufenican im Herbst ausgebracht, kann auch noch im Frühjahr gegen auflaufenden Raps wirken
 Diflufenican im Herbst ausgebracht, kann auch noch im Frühjahr gegen auflaufenden Raps wirken
In diesem Beitrag wurde nur auf einen möglichen, negativen Einfluss von ALS-Hemmern auf den nachfolgenden Raps eingegangen. Besonders auf sandigen, humusarmen Standorten sind aber auch Nachbauschäden durch Bodenherbizide wie Diflufenican nicht auszuschließen. Dies ist dann zumeist an zweikeimblättrigen Zwischenfrüchten zu beobachten, da Raps auf diesen Flächen selten angebaut wird. Die Halbwertszeit von Diflufenican wird auf der Seite vom INTERNATIONAL UNION OF PURE AND APPLIED CHEMISTRY (IUPAC) - Jan. 2021 wie folgt angegeben. Mittlere DT50 im Labor (bei 20 °C): 95 Tage (Minimalwert 41, Maximalwert 318 Tage).

Pendimethalin liegt auf einem ähnlichen Niveau. Die Wirkstoffe Flufenacet (z.B. Cadou SC) und Prosulfocarb (z.B. Boxer) sind im Vergleich dazu weniger persistent. Der DT50 Wert von Flufenacet wird in der genannten Quelle mit 20 Tagen, der von Prosulfocarb mit 12 Tagen ausgewiesen.

Die Untersuchung einer Praxisfläche (leichter Boden) auf Herbizidrückstände erbrachte folgendes: Nach Einsatz von Flufenacet, Diflufenican und Chlortoluron im Herbst des Jahres 2019 wurde im Herbst 2020 an den besonders leichten, humusarmen Stellen eines Schlages eine Bodenprobe aus einer Tiefe von 0-10 cm entnommen und analysiert. Es fanden sich 29 g/ha Diflufenican und 14 g/ha Chlortoluron. Bezogen auf die ausgebrachte Menge, waren noch 24 % der ausgebrachten Diflufenican- und 4 % der ausgebrachten Chlortoluron-Menge im Boden vorhanden. Flufenacet wurde nicht mehr gefunden.

Auch dieser Aspekt sollte bei der Bemessung von Aufwandmengen berücksichtigt werden. Zur Unkrautbekämpfung und bei mittleren Saatterminen sind in der Herbstanwendung 60 g/ha Diflufenican ausreichend. Im Frühjahr sollte, auf schwachen Standorten, auf Diflufenikan-haltige Herbizide verzichtet werden.

 

Günter Klingenhagen, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Januar 2021